Händel Göttingen 1920

Die digitale Ausstellung

Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen feiern in diesem Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum. Das Städtische Museum widmet sich in seiner aktuellen Sonderausstellung der frühen Entstehung der Festspiele und ihrer wechselvollen Geschichte. Der erste Teil der multimedialen Online-Version beschäftigt sich mit der Zeit und den stadtgeschichtlichen Hintergründen, die zur Entstehung der Göttinger Händel-Renaissance und damit den Händel-Festspielen führten. Tauchen Sie ein und erleben Sie eine lebendige und stetig wachsende Digitalausstellung! Ab jetzt ist auch das zweite Kapitel online.

Andrea Rechenberg
Leiterin des Städtischen Museums Göttingen
und Kuratorin der Ausstellung

409_3035-2-scaled

Der Trailer zum Ausstellungsfilm

Hundert Jahre Internationale Händel-Festspiele Göttingen – von einem lokalen Projekt zu einem Internationalen Event

Hier können Sie zu ausgewählten Zeiten den eigens für die Ausstellung produzierten Film sehen.

Die letzte Vorführung war am Internationalen Museumstag, Sonntag den 17.05.2020.

Prolog

Die Aufführung der Rodelinde-Oper im Jahr 1920 markiert die Göttinger Händel-Renaissance und damit den Beginn der Händel-Festspiele, die im Jahr 2020 ihr einhundertjähriges Jubiläum feiern.

Am 26.6.1920 wird die Händel-Oper Rodelinde in Göttingen aufgeführt. Im Stadttheater singen, spielen und tanzen Profis und Amateure. Begleitet werden sie von der Akademischen Orchestervereinigung Göttingen, einem Laienorchester.

B04_04.jpg

Händels Opern werden auch schon zu seinen Lebzeiten nicht oft aufgeführt. Gespielt werden hauptsächlich Händels Kirchenmusik, die Oratorien und Orchesterwerke wie die Feuerwerksmusik oder die Wassermusik. Nach dem Tod Händels sind seine 42 Opern weitgehend in Vergessenheit geraten. Die letzte Premiere von Rodelinda gab es 1734.

Georg Friedrich Händel gilt als einer der bedeutendsten Musiker der Geschichte. Sein künstlerisches Schaffen umfasst alle musikalischen Gattungen seiner Zeit. Sein Hauptwerk erstreckt sich auf 42 Opern, 25 Oratorien und berühmte Orchesterwerke.

5 Facts zu Händel

Georg Friedrich Händel

  • wird am 23.Februar 1685 in Halle (Saale) geboren
  • übt bereits in früher Kindheit heimlich das Clavichordspielen
  • schreibt ab 1703 als 18-Jähriger in Hamburg seine ersten Opern und unternimmt 1706 eine 4-jährige Studienreise nach Italien
  • fährt 1712 nach London und bleibt dort für den Rest seines Lebens
  • stirbt am 14. April 1759 in London und wird 4 Tage später in der Westminster Abbey beigesetzt

B06_2.jpg

Die Göttinger Opernaufführung ist der Festakt zur Jahreshauptversammlung des Universitätsbundes 1920. Gesungen wird auf Deutsch und nicht auf Italienisch, aus Rodelinda wird Rodelinde. Auch die Arien sind stark gekürzt. Diese Aufführung wird ein großer Erfolg. Deutschlandweit gibt es ein positives Echo.

Mit der Rodelinde-Aufführung beginnt die sogenannte Händelrenaissance (Renaissance = Wiedergeburt). Bis 1927 wird die Göttinger Fassung von Rodelinde deutschlandweit auf 21 Bühnen 136 mal gezeigt. Die Händel-Opern sind wieder da – und werden gespielt.

B03.jpg

Kapitel 1

1.1 Kleine Stadt – großes Netzwerk: Die Stadt Göttingen


1920 ist Göttingen eine Stadt mit knapp 40.000 Einwohnern. Sie wirbt für sich als Garten- und Universitätsstadt. Passender wäre die Bezeichnung Pensionärs- und Universitätsstadt. Es leben hier überdurchschnittlich viele pensionierte Beamte. Göttingen wird in den 20er Jahren auch scherzhaft »Pensionopolis« genannt. Industrie ist kaum vorhanden. Etwa 4200 Studierende sind an der Universität eingeschrieben.

Für die Aufführung von Rodelinde stellt die Stadt Göttingen das Stadttheater zur Verfügung sowie Material und Personal. In Oberbürgermeister Georg Calsow, gleichzeitig zweiter Vorsitzender des Universitätsbundes, hat die geplante Aufführung einen einflussreichen Fürsprecher.

B09.jpg

Das Mitgliederverzeichnis des Universitätsbundes weist zwar eine erstaunlich große Anzahl an Nicht-Göttingern auf. Aber die Göttinger Namen lesen sich wie ein »Who is Who« der Stadt. Hier treffen sich die vermögenden und einflussreichen Bürger und die Akademikerfamilien.

Die Schnittmenge mit den Musikerinnen und Musikern der Akademischen Orchestervereinigung (kurz: AOV) ist groß. Seit der Öffnung für Frauen spielen dort auch Studentinnen sowie Ehefrauen und Töchter von Professoren mit.

Die Aufführung der Rodelinde erfährt eine große personelle und finanzielle Unterstützung durch Universitätsbund, AOV und Stadt Göttingen.

1.2 Göttingen 1920 – Kulturhunger


Der Krieg ist überstanden – die Menschen leiden aber noch weiter an seinen Folgen. Hunger, Arbeitslosigkeit, Krankheiten und Inflation belasten das Leben. Trotz allem herrscht auch Aufbruch-Stimmung.


Der Kaiser hat vor zwei Jahren (1918) abgedankt, vor einem Jahr (1919) erkämpften sich die Frauen das Wahlrecht. Die Gesellschaft verändert sich. Neue Mode, neue Kunst, neue Musik begeistern.

Die kriegsbedingte Zwangspause ist zu Ende und kulturelle Aktivitäten entfalten sich. Im Sommersemester 1920 sind an der Universität eingeschrieben: 325 Studentinnen und 3847 Studenten.

B11-1
B14_2

Bereits 1919 eröffnet das Stadttheater wieder. Es erweitert sogar sein Angebot. Ab 1920 kommen eine Opern- und eine Operettensparte neu dazu. Der Stadtpark vor dem Albanitor wird wieder bespielt. Es ist ein Veranstaltungshaus mit einem bunten Programm für ein breites Publikum.

Großen Zulauf erfahren die Lichtspielhäuser. Vor dem Krieg eröffnete Kinos wie das Eden am Markt und das Central in der Barfüßerstraße werden nun erweitert. Das Central fasst schließlich 450 Sitzplätze. 1929 eröffnet das Capitol in der Prinzenstraße mit 500 Plätzen – bei nur ca. 40.000 Einwohnern in Göttingen. Außerdem gibt es Filmvorführungen in der Urania im heutigen Otfried-Müller-Haus und im Volkshaus in der Wiesenstraße.

Dr. Ernst Böhme
Historiker und langjähriger Leiter des Städtischen Museums Göttingen

Mit dem neuen Massen-Medium Film kommen auch neue Eindrücke und Sehgewohnheiten. »Das Cabinet des Dr. Caligari«, ein expressionistischer Film, feiert 1920 große Erfolge.

Göttingen ist nicht Berlin – aber die »Goldenen Zwanziger Jahre« werfen auch einen bescheidenen Abglanz auf unser Städtchen.

B03_weiß.jpg

Kapitel 2

2.1 Ein Netzwerk aus engagierten Personen und Institutionen

Oskar Hagen

Ein musikbegeisterter Kunsthistoriker

Oskar Hagen (1888-1957) gilt als der Begründer der Göttinger Händel-Festspiele. Er studiert in Halle, der Geburtsstadt Händels, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft. Dort lernt er die Opern-Partituren Händels kennen und ist begeistert von den Stücken.

Ab 1918 ist Hagen Privatdozent für Kunstgeschichte in Göttingen. Er ist verheiratet mit Thyra Hagen-Leisner, mit ihr hat er zwei Kinder. Hagen übernimmt 1919 in Göttingen den Posten des Dirigenten der Akademischen Orchestervereinigung. Hier lernt er Alfred Bertholet kennen, der Vorsitzender des Musikausschusses des Universitätsbundes ist.

In einem Hausmusikkreis musiziert er zusammen mit Alfred Bertholet. Gemeinsam proben sie Arien aus Händel-Opern, Thyra Hagen-Leisner singt. Bereits 1919 führen sie einige dieser Arien mit der Akademischen Orchestervereinigung auf.

B21-1.jpg

Bertholet hat die Idee einer Händel-Oper-Aufführung. Oskar Hagen ist begeistert. Er wird derjenige, der die Umsetzung dieser Idee vorantreibt. Hagen findet in seinem Bekanntenkreis viele Unterstützer dafür. Er bearbeitet die Musik und nimmt vor allem bei den Arien viele Streichungen vor, fügt aber auch Neues hinzu.
Die Wiederaufführung von Rodelinde 1920 begründet die »Göttinger Händelrenaissance« (Renaissance = Wiedergeburt). Diese Wiedergeburt hat viele Helfer: Menschen, Institutionen und die besondere gesellschaftliche Situation dieser Zeit und dieser Stadt.

B31_B1920.jpg

Die Akademische Orchestervereinigung (AOV)

»Das Schwatzen während der Proben wird heftig getadelt«

In einem Protokoll vom 14.12.1904 findet sich diese Bemerkung, angefertigt bei einer Zusammenkunft von musizierenden Studenten. Ziel dieser Gruppe ist es, Werke moderner und klassischer Komponisten einzuüben. 1906 gibt sich diese studentische Gruppe Statuten, will aber trotzdem eine eher lose Vereinigung bleiben. Aber nun können auch Dozenten, Professoren und NichtakademikerInnen mitspielen.
Von 1914 bis 1918 unterbricht der Krieg die gemeinsamen Aktivitäten. Ab Sommersemester 1919 werden die Proben wiederaufgenommen. Der neu gegründete Universitätsbund übernimmt die finanzielle Förderung. Frühere und viele neue Musikerinnen und Musiker, auch aus dem Dozentenkreis und dem Bürgertum, ermöglichen eine gute Orchestergröße. Der Privatdozent Oskar Hagen übernimmt den Posten des Dirigenten. Die Akademische Orchestervereinigung spielt die Händel-Oper Rodelinde.

B23.jpg

Alfred Bertholet

»…ein musikalisches Ereignis ersten Ranges«

Alfred Robert Felix Bertholet (1868-1951) ist Professor für Religionsgeschichte. An der Universität Göttingen lehrt er von 1914 bis 1928. Gemeinsam mit Oskar Hagen musiziert der Schweizer Bertholet in der Akademischen Orchestervereinigung. Außerdem spielen beide noch in einem privaten Hausmusikkreis.

Bertholet hat als Erster die Idee einer Opernaufführung. Er unterstützt von Anfang an dieses Projekt. In dem 1918 gegründeten Universitätsbund  ist er Vorsitzender des Musikausschusses. Ihm gelingt es, die finanzielle Förderung des Universitätsbundes einzuwerben. Die Aufführung der Oper Rodelinde wird mit 20.000 Mark gefördert.

Der Universitätsbund Göttingen

»Förderung der Wissenschaft, Kultur und zum Wohl der Studierenden«

1918 gegründet, übernimmt der Universitätsbund die Aufgaben eines Fördervereins. Als solcher wirbt er vor allem Gelder ein. Außerdem möchte er die »Zusammengehörigkeit aller ehemaligen und jetzigen Angehörigen der Georgia Augusta pflegen«. Er gibt eigene Schriften und Mitteilungen heraus und fördert ausdrücklich auch Studierende, Dozenten, wissenschaftliche Hilfskräfte und Institute. Mit den eingeworbenen Geldern werden schon 1919 Forschungsprojekte, Vorträge und Veröffentlichungen gefördert – und für die Universität ein Filmapparat angeschafft.

B29

Oberbürgermeister Georg Calsow

B32

Karl Brandi, 1. Vorsitzender

Der Universitätsbund ist offen für die Stadtgesellschaft. Im Mitgliederverzeichnis 1919 finden sich: Göttinger Kaufleute, Bankiers, Fabrikanten, Handwerker, Pfarrer und Pastoren, Generäle, Lehrerinnen und Lehrer, Rechtsanwälte, Apotheker und viele weitere Berufsgruppen. Oberbürgermeister Georg Calsow ist Mitglied des Vorstandes und stellvertretender Vorsitzender. 1919 hat der Universitätsbund 429 Mitglieder, 1921 sind es bereits 701 Mitglieder. Die bürgerliche und die akademische Gesellschaft Göttingens ist im Universitätsbund versammelt. Dies ist dann auch am 26. Juni 1920 das Publikum der Rodelinde-Aufführung. Am 17. Februar 1920 wird festgelegt, dass die Uraufführung am Abend der Jahreshauptversammlung des Universitätsbunes stattfinden soll. Für Publikum ist also gesorgt.

B43

Christine Hoyer-Masing

Wer hat eigentlich Regie geführt?

Darstellungsleitung: Christine Hoyer-Masing (1888-1932). So steht es auf dem Theaterzettel zur Rodelinde-Aufführung. Hoyer-Masing lernt rhythmischen Tanz nach Émile Jaques-Dalcroze. Er lehrt den Zusammenhang zwischen Musik und tänzerischem Ausdruck. In den Schilderungen über die Rodelinde-Aufführung wird Hoyer-Masing nicht erwähnt, auch nicht in den Erinnerungen der Zeitzeugen. Es gibt auch kein Foto von ihr.

Im Oktober 1920 schreibt Oskar Hagen einen Bericht über die Opernaufführung der Rodelinde im Mitteilungsblatt des Universitätsbundes. Dort wird sie zumindest als Mitwirkende genannt. Über ihre Arbeit allerdings findet sich kein Wort. Hagen lässt den Eindruck entstehen, dass allein er die künstlerische Leitung hat. Diese Perspektive wird auch von anderen Beteiligten übernommen und geht so in die Geschichte der Händel-Festspiele ein. Christine Hoyer-Masing wird vergessen. 1920 und 1921 ist Hoyer-Masing für die Choreographie und Regie der Opernaufführungen in Göttingen verantwortlich.

B24
B44

Konzertankündigung der AOV,1919

B22_passed

Thyra Hagen-Leisner als Theophano,
Otto und Theophano,1921

Thyra Hagen-Leisner

Auf der Bühne und doch im Schatten

Thyra Hagen-Leisner (1888-1938) ist Sopranistin. 1920 singt und spielt sie die Rodelinde bei der Uraufführung. Die Kritiken loben ihren Gesang und ihr Schauspiel. Thyra Hagen-Leisner ist verheiratet mit Oskar Hagen und singt die weiblichen Hauptrollen in den ersten vier Göttinger Händel-Opern. Auch im Rahmen von Konzerten der Akademischen Orchestervereinigung sind öffentliche Auftritte bekannt. Bei den Hausmusikkonzerten mit Oskar Hagen und Alfred Bertholet übernimmt sie den Gesang. Viel mehr ist über sie nicht zu erfahren.

Im Protokoll des Universitätsbundes wird sie als Übersetzerin des Rodelinde-Librettos (= Gesangstext) genannt. Händel schrieb seine Opern auf Italienisch, wie zu seiner Zeit üblich. Rodelinde wird in deutscher Sprache gesungen. Nach dem Erfolg der Rodelinde-Aufführung schreibt Oskar Hagen einen ausführlichen Bericht über seine Bearbeitung der Oper. Er erwähnt die Arbeit seiner Frau mit keiner Silbe. Dass Thyra Hagen-Leisner die italienischen Texte übersetzt hat, wird auch von den anderen – männlichen – Zeitzeugen nicht erwähnt. Für eine weitere Mitarbeit von Thyra Hagen-Leisner an den ersten Göttinger Händelspielen finden sich keine Belege. Sie ist aber zu vermuten. Wahrscheinlich arbeitet sie weiter mit an der Bearbeitung der Oper und ist an der Organisation der Festspiele beteiligt. Als Sängerin bekannter als Thyra ist ihre Schwester, die Altistin Emmi Leisner. Von ihr war bereits im Prolog dieser Ausstellung ein Auszug aus Rodelinde zu hören. Die Forschung über musikalisch produktive Frauen steht noch am Anfang. Erst langsam treten sie aus dem Schatten.

B26.jpg

Hier als Cleopatra in Julius Cäsar, 1922

B46

Auszug aus dem Protokoll der Sitzung des Verwaltungsrates des Universitätsbund Göttingen, 17. Februar 1920

B28-1

v.l.: Paul Thiersch, Hanns Niedecken-Gebhard, Oskar Hagen (vermutlich 1922)

Paul Thiersch

»Die Dichtung durch das Bühnenbild schaubar machen«

Paul Thiersch (1879-1928) und Oskar Hagen lernen sich 1917 in Halle kennen. Thiersch ist Architekt und leitet dort die Kunstgewerbeschule. In Halle arbeitet Oskar Hagen für ihn. Er übernimmt die Verwaltung der Bibliothek und hält öffentliche Vorlesungen an der staatlichen Kunstgewerbeschule. Nur wenige Architekturentwürfe von Paul Thiersch werden umgesetzt. Er wendet sich der Bühnenbildnerei zu und gründet eine Fachklasse für Bühnenausstattung.

Thiersch entwirft seit 1919 die Bühnenbilder für das Stadttheater in Halle. Von Oskar Hagen wird er für die Bühnenausstattung der Rodelinde-Aufführung gewonnen. Thiersch reist mit seinen Schülerinnen und Schülern aus Halle an. Mit ihnen baut er das Bühnenbild in Göttingen auf. Gemeinsam teilen Hagen und Thiersch die Überzeugung, nicht eine barocke Welt rekonstruieren zu wollen. Durch moderne Bilder wollen sie alte Werke »dem zeitgenössischen Leben wiederschenken«. Paul Thiersch wird für die ersten vier Händel-Opern in Göttingen die Bühnenbilder gestalten.

B30_klein_1400.png

Entwurf Bühnenbilder für die dritte Aufführung der Rodelinde Paul Thiersch, 1923. Rodelinde wurde in Göttingen 1920,1921 und 1923 bei den Festspielen aufgeführt. Für jede Wiederaufführung wurde das Bühnenbild weiterentwickelt und verändert.

2.2 Expressionismus

Das Innere nach Außen

Das Wort Expressionismus setzt sich zusammen aus dem lateinischen ex = aus und premere = drücken, wörtlich übersetzt also: ausdrücken. Expressionismus meint: Die im Inneren empfundene Wirklichkeit wird der Außenwelt gezeigt.

Die eigene Befindlichkeit und eigenen Gefühle werden künstlerisch umgesetzt. Eine realistische Abbildung der Wirklichkeit spielt keine Rolle. Diese neue Stilrichtung entwickelt sich Ende des 19. Jahrhunderts, zunächst in der Malerei, Grafik und Literatur. Dann auch in Architektur, Musik und Tanz. Bekanntes wird verfremdet gezeigt und ermöglicht so ein neues Sehen. Mit dem Expressionismus beginnt die Klassische Moderne.

Die Malerei des Expressionismus wird bald nach dem Ende des 1. Weltkrieges von anderen Stilen abgelöst. In Literatur, Film, Theater und Architektur wirkt er noch bis zum 2. Weltkrieg weiter. Vor allem durch das neue Medium Film werden die Elemente dieses Stils vielen Menschen vertraut.

B45

Paul Thiersch (l) u. Oskar Hagen (r)

Händel Expressiv

»Für den modernen Menschen«


»Mir scheinen die Bühnenbilder von Paul Thiersch der Händelschen Musik aufs glücklichste zu sekundieren« schreibt Oskar Hagen 1920. Hagen und Thiersch wollen beide bewusst nicht die barocke Welt auf die Bühne bringen.

Hagen ist der Meinung, Händels Musik berühre sich mit dem »Ideal des modernsten Expressionismus«. Er sieht in den Arien ein Seelendrama. Das lange Ausmalen der Koloraturen gibt seiner Meinung nach den Arien einen expressionistischen Charakter (Koloratur = Gesang mit einer schnellen Abfolge von Tönen, mehrere Töne fallen gemeinsam auf den Vokal einer Textsilbe). »So verstanden hat der bildliche Expressionismus einen sehr guten Sinn in Händels Opern«.

Doch nicht nur das Bühnenbild soll expressionistisch sein, sondern auch die Körpersprache. Bewegung und Tanz gehören daher mit zum künstlerischen Ausdruck von Händels Musik. Mehrmals betont Oskar Hagen, dass er die Opern für den modernen Menschen bearbeitet.

Andrea Rechenberg über das Bühnenbild und die Zusammenarbeit von Thiersch und Hagen

Architektur und Bühne

Farbe, Raum und Spiel

Eigentlich ist Paul Thiersch Architekt. Schon während seiner Studienzeit 1897 bis 1904 lernt er Theaterbauten und -entwürfe kennen. In Berlin eröffnet er 1909 ein eigenes Architekturbüro. Hier bekommt er Kontakt zu den neuen Reformbewegungen. Sehr wahrscheinlich lernt er hier Bühnenbilder und Theaterreformer wie z. B. Max Reinhardt kennen.


Entwurf Bühnenbild für Xerxes: Das Haus des Ariodant, Paul Thiersch,1924

Seit etwa 1900 entrümpelt die Theaterreformbewegung die Bühnen. Auf den bisher üblichen Theaterpomp wird verzichtet. Es gibt keine überladene detailgenaue Ausstattung mehr, kein Vorgeben von historischer Echtheit. Umgesetzt wird abstrakte, raumgreifende Architektur. Terrassen, Mauern und Treppen eröffnen einen neuen Bühnenraum. Farbe, Licht und rhythmisch-tänzerische Bewegungen sollen die Stimmung, die Idee des Stückes vermitteln. Dies nennt sich szenischer Expressionismus. In Berlin, Frankfurt, München und Wien wird er schon vor dem 1. Weltkrieg umgesetzt. Nun, in den zwanziger Jahren, kommt er auch in der Provinz an.

B40.jpg

Rodelinde Wiederaufführung 1921 im Stadttheater Göttingen Schlußbild, Bühnenbild: Paul Thiersch

B34.jpg
B36

Szenenbild aus Xerxes im Stadtheater Göttingen, 1924

Ab 1915 leitet Paul Thiersch die Handwerker- und Kunstgewerbeschule Halle auf der Burg Giebichenstein. Werkbund und Bauhaus formen die Idee einer Zusammenarbeit verschiedener Handwerke und Künste. Dies fördert Thiersch auch in seinem Haus. 1921 gründet Thiersch im Fach Architektur eine Fachklasse für Bühnenausstattung. Ab 1919 entwirft Paul Thiersch im Stadttheater Halle die Bühnenbilder, ab 1920 in Göttingen für die Händel-Festspiele und ab 1923 für das Alte Theater Leipzig. Für Thiersch hat das Bühnenbild zwei Funktionen: Es soll sich der Dichtung unterordnen und der Schaulust wachsenden Anreiz bieten.

B41_B800
B25_800x

2.3 Rodelinda – Rodelinde

»Schönste Musik und vortreffliche Intrigen«

Rodelinda spielt am langobardischen Königshof im 7. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen: Rodelinda, scheinbar verwitwete Königin von Mailand, Bertarido, legitimer König von Mailand, Grimoaldo, Thronräuber.
Die Dreiecksbeziehung dieser Personen ist der Kern der Handlung. Grimoaldo wirbt um Rodelinda und bietet ihr die Krone. Rodelinda aber ist ihrem vermeintlich verstorbenen Ehemann Bertarido nach wie vor treu. Der Konflikt steigert sich, als Rodelinda erkennt, dass Bertarido nicht tot ist. Sie muss sich entscheiden: Sichert sie ihr eigenes Glück mit ihrem Ehemann Bertarido oder sorgt sie für seine Sicherheit indem sie Grimoaldo heiratet. Der Konflikt löst sich erst am Ende des Stücks, als sich beide Bedingungen erfüllen: Bertarido schützt Grimoaldo vor einem Attentat – daraufhin erhält er den Thron zurück. Nun können Rodelinda und Bertarido wieder zueinander kommen.

1724/25 schreibt Händel Rodelinda für die Royal Academy of Music in London (Königliche Musik-Akademie). Ein Unternehmen, das italienische Opern mit Star-Besetzung für das Londoner Publikum anbietet. Der Text dazu (das Libretto) stammt von Nicola Francesco Haym. Er schreibt für Händel mindestens sieben Operntexte. Alle sind in italienischer Sprache verfasst. Erst in der Übersetzung ins Deutsche wird Rodelinda zu Rodelinde.