Händel Göttingen 1920

Die digitale Ausstellung

Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen feiern in diesem Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum. Das Städtische Museum widmet sich in seiner aktuellen Sonderausstellung der frühen Entstehung der Festspiele und ihrer wechselvollen Geschichte. Der erste Teil der multimedialen Online-Version beschäftigt sich mit der Zeit und den stadtgeschichtlichen Hintergründen, die zur Entstehung der Göttinger Händel-Renaissance und damit den Händel-Festspielen führten. Tauchen Sie ein und erleben Sie eine lebendige und stetig wachsende Digitalausstellung! Ab jetzt ist auch das zweite Kapitel und dritte Kapitel online.


Oberbürgermeister Georg Calsow

Mit Unterstützung von:

Hundert Jahre Internationale Händel-Festspiele Göttingen – von einem lokalen Projekt zu einem Internationalen Event

Hier können Sie zu ausgewählten Zeiten den eigens für die Ausstellung produzierten Film sehen.

Prolog

Die Aufführung der Rodelinde-Oper im Jahr 1920 markiert die Göttinger Händel-Renaissance und damit den Beginn der Händel-Festspiele, die im Jahr 2020 ihr einhundertjähriges Jubiläum feiern.

Am 26.6.1920 wird die Händel-Oper Rodelinde in Göttingen aufgeführt. Im Stadttheater singen, spielen und tanzen Profis und Amateure. Begleitet werden sie von der Akademischen Orchestervereinigung Göttingen, einem Laienorchester.

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Händels Opern werden auch schon zu seinen Lebzeiten nicht oft aufgeführt. Gespielt werden hauptsächlich Händels Kirchenmusik, die Oratorien und Orchesterwerke wie die Feuerwerksmusik oder die Wassermusik. Nach dem Tod Händels sind seine 42 Opern weitgehend in Vergessenheit geraten. Die letzte Premiere von Rodelinda gab es 1734.

Georg Friedrich Händel gilt als einer der bedeutendsten Musiker der Geschichte. Sein künstlerisches Schaffen umfasst alle musikalischen Gattungen seiner Zeit. Sein Hauptwerk erstreckt sich auf 42 Opern, 25 Oratorien und berühmte Orchesterwerke.

5 Facts zu Händel

Georg Friedrich Händel

  • wird am 23.Februar 1685 in Halle (Saale) geboren
  • übt bereits in früher Kindheit heimlich das Clavichordspielen
  • schreibt ab 1703 als 18-Jähriger in Hamburg seine ersten Opern und unternimmt 1706 eine 4-jährige Studienreise nach Italien
  • fährt 1712 nach London und bleibt dort für den Rest seines Lebens
  • stirbt am 14. April 1759 in London und wird 4 Tage später in der Westminster Abbey beigesetzt

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Die Göttinger Opernaufführung ist der Festakt zur Jahreshauptversammlung des Universitätsbundes 1920. Gesungen wird auf Deutsch und nicht auf Italienisch, aus Rodelinda wird Rodelinde. Auch die Arien sind stark gekürzt. Diese Aufführung wird ein großer Erfolg. Deutschlandweit gibt es ein positives Echo.

Mit der Rodelinde-Aufführung beginnt die sogenannte Händelrenaissance (Renaissance = Wiedergeburt). Bis 1927 wird die Göttinger Fassung von Rodelinde deutschlandweit auf 21 Bühnen 136 mal gezeigt. Die Händel-Opern sind wieder da – und werden gespielt.

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Kapitel 1

1.1 Kleine Stadt – großes Netzwerk: Die Stadt Göttingen


1920 ist Göttingen eine Stadt mit knapp 40.000 Einwohnern. Sie wirbt für sich als Garten- und Universitätsstadt. Passender wäre die Bezeichnung Pensionärs- und Universitätsstadt. Es leben hier überdurchschnittlich viele pensionierte Beamte. Göttingen wird in den 20er Jahren auch scherzhaft »Pensionopolis« genannt. Industrie ist kaum vorhanden. Etwa 4200 Studierende sind an der Universität eingeschrieben.

Für die Aufführung von Rodelinde stellt die Stadt Göttingen das Stadttheater zur Verfügung sowie Material und Personal. In Oberbürgermeister Georg Calsow, gleichzeitig zweiter Vorsitzender des Universitätsbundes, hat die geplante Aufführung einen einflussreichen Fürsprecher.

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Das Mitgliederverzeichnis des Universitätsbundes weist zwar eine erstaunlich große Anzahl an Nicht-Göttingern auf. Aber die Göttinger Namen lesen sich wie ein »Who is Who« der Stadt. Hier treffen sich die vermögenden und einflussreichen Bürger und die Akademikerfamilien.

Die Schnittmenge mit den Musikerinnen und Musikern der Akademischen Orchestervereinigung (kurz: AOV) ist groß. Seit der Öffnung für Frauen spielen dort auch Studentinnen sowie Ehefrauen und Töchter von Professoren mit.

Die Aufführung der Rodelinde erfährt eine große personelle und finanzielle Unterstützung durch Universitätsbund, AOV und Stadt Göttingen.

1.2 Göttingen 1920 – Kulturhunger


Der Krieg ist überstanden – die Menschen leiden aber noch weiter an seinen Folgen. Hunger, Arbeitslosigkeit, Krankheiten und Inflation belasten das Leben. Trotz allem herrscht auch Aufbruch-Stimmung.


Der Kaiser hat vor zwei Jahren (1918) abgedankt, vor einem Jahr (1919) erkämpften sich die Frauen das Wahlrecht. Die Gesellschaft verändert sich. Neue Mode, neue Kunst, neue Musik begeistern.

Die kriegsbedingte Zwangspause ist zu Ende und kulturelle Aktivitäten entfalten sich. Im Sommersemester 1920 sind an der Universität eingeschrieben: 325 Studentinnen und 3847 Studenten.

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Bereits 1919 eröffnet das Stadttheater wieder. Es erweitert sogar sein Angebot. Ab 1920 kommen eine Opern- und eine Operettensparte neu dazu. Der Stadtpark vor dem Albanitor wird wieder bespielt. Es ist ein Veranstaltungshaus mit einem bunten Programm für ein breites Publikum.

Großen Zulauf erfahren die Lichtspielhäuser. Vor dem Krieg eröffnete Kinos wie das Eden am Markt und das Central in der Barfüßerstraße werden nun erweitert. Das Central fasst schließlich 450 Sitzplätze. 1929 eröffnet das Capitol in der Prinzenstraße mit 500 Plätzen – bei nur ca. 40.000 Einwohnern in Göttingen. Außerdem gibt es Filmvorführungen in der Urania im heutigen Otfried-Müller-Haus und im Volkshaus in der Wiesenstraße.

Dr. Ernst Böhme
Historiker und langjähriger Leiter des Städtischen Museums Göttingen

Mit dem neuen Massen-Medium Film kommen auch neue Eindrücke und Sehgewohnheiten. »Das Cabinet des Dr. Caligari«, ein expressionistischer Film, feiert 1920 große Erfolge.

Göttingen ist nicht Berlin – aber die »Goldenen Zwanziger Jahre« werfen auch einen bescheidenen Abglanz auf unser Städtchen.

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Kapitel 2

2.1 Ein Netzwerk aus engagierten Personen und Institutionen

Oskar Hagen

Ein musikbegeisterter Kunsthistoriker

Oskar Hagen (1888-1957) gilt als der Begründer der Göttinger Händel-Festspiele. Er studiert in Halle, der Geburtsstadt Händels, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft. Dort lernt er die Opern-Partituren Händels kennen und ist begeistert von den Stücken.

Ab 1918 ist Hagen Privatdozent für Kunstgeschichte in Göttingen. Er ist verheiratet mit Thyra Hagen-Leisner, mit ihr hat er zwei Kinder. Hagen übernimmt 1919 in Göttingen den Posten des Dirigenten der Akademischen Orchestervereinigung. Hier lernt er Alfred Bertholet kennen, der Vorsitzender des Musikausschusses des Universitätsbundes ist.

In einem Hausmusikkreis musiziert er zusammen mit Alfred Bertholet. Gemeinsam proben sie Arien aus Händel-Opern, Thyra Hagen-Leisner singt. Bereits 1919 führen sie einige dieser Arien mit der Akademischen Orchestervereinigung auf.

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Bertholet hat die Idee einer Händel-Oper-Aufführung. Oskar Hagen ist begeistert. Er wird derjenige, der die Umsetzung dieser Idee vorantreibt. Hagen findet in seinem Bekanntenkreis viele Unterstützer dafür. Er bearbeitet die Musik und nimmt vor allem bei den Arien viele Streichungen vor, fügt aber auch Neues hinzu.
Die Wiederaufführung von Rodelinde 1920 begründet die »Göttinger Händelrenaissance« (Renaissance = Wiedergeburt). Diese Wiedergeburt hat viele Helfer: Menschen, Institutionen und die besondere gesellschaftliche Situation dieser Zeit und dieser Stadt.

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Die Akademische Orchestervereinigung (AOV)

»Das Schwatzen während der Proben wird heftig getadelt«

In einem Protokoll vom 14.12.1904 findet sich diese Bemerkung, angefertigt bei einer Zusammenkunft von musizierenden Studenten. Ziel dieser Gruppe ist es, Werke moderner und klassischer Komponisten einzuüben. 1906 gibt sich diese studentische Gruppe Statuten, will aber trotzdem eine eher lose Vereinigung bleiben. Aber nun können auch Dozenten, Professoren und NichtakademikerInnen mitspielen.
Von 1914 bis 1918 unterbricht der Krieg die gemeinsamen Aktivitäten. Ab Sommersemester 1919 werden die Proben wiederaufgenommen. Der neu gegründete Universitätsbund übernimmt die finanzielle Förderung. Frühere und viele neue Musikerinnen und Musiker, auch aus dem Dozentenkreis und dem Bürgertum, ermöglichen eine gute Orchestergröße. Der Privatdozent Oskar Hagen übernimmt den Posten des Dirigenten. Die Akademische Orchestervereinigung spielt die Händel-Oper Rodelinde.

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Alfred Bertholet

»…ein musikalisches Ereignis ersten Ranges«

Alfred Robert Felix Bertholet (1868-1951) ist Professor für Religionsgeschichte. An der Universität Göttingen lehrt er von 1914 bis 1928. Gemeinsam mit Oskar Hagen musiziert der Schweizer Bertholet in der Akademischen Orchestervereinigung. Außerdem spielen beide noch in einem privaten Hausmusikkreis.

Bertholet hat als Erster die Idee einer Opernaufführung. Er unterstützt von Anfang an dieses Projekt. In dem 1918 gegründeten Universitätsbund  ist er Vorsitzender des Musikausschusses. Ihm gelingt es, die finanzielle Förderung des Universitätsbundes einzuwerben. Die Aufführung der Oper Rodelinde wird mit 20.000 Mark gefördert.

Der Universitätsbund Göttingen

»Förderung der Wissenschaft, Kultur und zum Wohl der Studierenden«

1918 gegründet, übernimmt der Universitätsbund die Aufgaben eines Fördervereins. Als solcher wirbt er vor allem Gelder ein. Außerdem möchte er die »Zusammengehörigkeit aller ehemaligen und jetzigen Angehörigen der Georgia Augusta pflegen«. Er gibt eigene Schriften und Mitteilungen heraus und fördert ausdrücklich auch Studierende, Dozenten, wissenschaftliche Hilfskräfte und Institute. Mit den eingeworbenen Geldern werden schon 1919 Forschungsprojekte, Vorträge und Veröffentlichungen gefördert – und für die Universität ein Filmapparat angeschafft.

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Oberbürgermeister Georg Calsow

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Karl Brandi, 1. Vorsitzender

Der Universitätsbund ist offen für die Stadtgesellschaft. Im Mitgliederverzeichnis 1919 finden sich: Göttinger Kaufleute, Bankiers, Fabrikanten, Handwerker, Pfarrer und Pastoren, Generäle, Lehrerinnen und Lehrer, Rechtsanwälte, Apotheker und viele weitere Berufsgruppen. Oberbürgermeister Georg Calsow ist Mitglied des Vorstandes und stellvertretender Vorsitzender. 1919 hat der Universitätsbund 429 Mitglieder, 1921 sind es bereits 701 Mitglieder. Die bürgerliche und die akademische Gesellschaft Göttingens ist im Universitätsbund versammelt. Dies ist dann auch am 26. Juni 1920 das Publikum der Rodelinde-Aufführung. Am 17. Februar 1920 wird festgelegt, dass die Uraufführung am Abend der Jahreshauptversammlung des Universitätsbunes stattfinden soll. Für Publikum ist also gesorgt.

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Christine Hoyer-Masing

Wer hat eigentlich Regie geführt?

Darstellungsleitung: Christine Hoyer-Masing (1888-1932). So steht es auf dem Theaterzettel zur Rodelinde-Aufführung. Hoyer-Masing lernt rhythmischen Tanz nach Émile Jaques-Dalcroze. Er lehrt den Zusammenhang zwischen Musik und tänzerischem Ausdruck. In den Schilderungen über die Rodelinde-Aufführung wird Hoyer-Masing nicht erwähnt, auch nicht in den Erinnerungen der Zeitzeugen. Es gibt auch kein Foto von ihr.

Im Oktober 1920 schreibt Oskar Hagen einen Bericht über die Opernaufführung der Rodelinde im Mitteilungsblatt des Universitätsbundes. Dort wird sie zumindest als Mitwirkende genannt. Über ihre Arbeit allerdings findet sich kein Wort. Hagen lässt den Eindruck entstehen, dass allein er die künstlerische Leitung hat. Diese Perspektive wird auch von anderen Beteiligten übernommen und geht so in die Geschichte der Händel-Festspiele ein. Christine Hoyer-Masing wird vergessen. 1920 und 1921 ist Hoyer-Masing für die Choreographie und Regie der Opernaufführungen in Göttingen verantwortlich.

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Konzertankündigung der AOV,1919

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Thyra Hagen-Leisner als Theophano,
Otto und Theophano,1921

Thyra Hagen-Leisner

Auf der Bühne und doch im Schatten

Thyra Hagen-Leisner (1888-1938) ist Sopranistin. 1920 singt und spielt sie die Rodelinde bei der Uraufführung. Die Kritiken loben ihren Gesang und ihr Schauspiel. Thyra Hagen-Leisner ist verheiratet mit Oskar Hagen und singt die weiblichen Hauptrollen in den ersten vier Göttinger Händel-Opern. Auch im Rahmen von Konzerten der Akademischen Orchestervereinigung sind öffentliche Auftritte bekannt. Bei den Hausmusikkonzerten mit Oskar Hagen und Alfred Bertholet übernimmt sie den Gesang. Viel mehr ist über sie nicht zu erfahren.

Im Protokoll des Universitätsbundes wird sie als Übersetzerin des Rodelinde-Librettos (= Gesangstext) genannt. Händel schrieb seine Opern auf Italienisch, wie zu seiner Zeit üblich. Rodelinde wird in deutscher Sprache gesungen. Nach dem Erfolg der Rodelinde-Aufführung schreibt Oskar Hagen einen ausführlichen Bericht über seine Bearbeitung der Oper. Er erwähnt die Arbeit seiner Frau mit keiner Silbe. Dass Thyra Hagen-Leisner die italienischen Texte übersetzt hat, wird auch von den anderen – männlichen – Zeitzeugen nicht erwähnt. Für eine weitere Mitarbeit von Thyra Hagen-Leisner an den ersten Göttinger Händelspielen finden sich keine Belege. Sie ist aber zu vermuten. Wahrscheinlich arbeitet sie weiter mit an der Bearbeitung der Oper und ist an der Organisation der Festspiele beteiligt. Als Sängerin bekannter als Thyra ist ihre Schwester, die Altistin Emmi Leisner. Von ihr war bereits im Prolog dieser Ausstellung ein Auszug aus Rodelinde zu hören. Die Forschung über musikalisch produktive Frauen steht noch am Anfang. Erst langsam treten sie aus dem Schatten.

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Hier als Cleopatra in Julius Cäsar, 1922

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Auszug aus dem Protokoll der Sitzung des Verwaltungsrates des Universitätsbund Göttingen, 17. Februar 1920

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v.l.: Paul Thiersch, Hanns Niedecken-Gebhard, Oskar Hagen (vermutlich 1922)

Paul Thiersch

»Die Dichtung durch das Bühnenbild schaubar machen«

Paul Thiersch (1879-1928) und Oskar Hagen lernen sich 1917 in Halle kennen. Thiersch ist Architekt und leitet dort die Kunstgewerbeschule. In Halle arbeitet Oskar Hagen für ihn. Er übernimmt die Verwaltung der Bibliothek und hält öffentliche Vorlesungen an der staatlichen Kunstgewerbeschule. Nur wenige Architekturentwürfe von Paul Thiersch werden umgesetzt. Er wendet sich der Bühnenbildnerei zu und gründet eine Fachklasse für Bühnenausstattung.

Thiersch entwirft seit 1919 die Bühnenbilder für das Stadttheater in Halle. Von Oskar Hagen wird er für die Bühnenausstattung der Rodelinde-Aufführung gewonnen. Thiersch reist mit seinen Schülerinnen und Schülern aus Halle an. Mit ihnen baut er das Bühnenbild in Göttingen auf. Gemeinsam teilen Hagen und Thiersch die Überzeugung, nicht eine barocke Welt rekonstruieren zu wollen. Durch moderne Bilder wollen sie alte Werke »dem zeitgenössischen Leben wiederschenken«. Paul Thiersch wird für die ersten vier Händel-Opern in Göttingen die Bühnenbilder gestalten.

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Entwurf Bühnenbilder für die dritte Aufführung der Rodelinde Paul Thiersch, 1923. Rodelinde wurde in Göttingen 1920,1921 und 1923 bei den Festspielen aufgeführt. Für jede Wiederaufführung wurde das Bühnenbild weiterentwickelt und verändert.

2.2 Expressionismus

Das Innere nach Außen

Das Wort Expressionismus setzt sich zusammen aus dem lateinischen ex = aus und premere = drücken, wörtlich übersetzt also: ausdrücken. Expressionismus meint: Die im Inneren empfundene Wirklichkeit wird der Außenwelt gezeigt.

Die eigene Befindlichkeit und eigenen Gefühle werden künstlerisch umgesetzt. Eine realistische Abbildung der Wirklichkeit spielt keine Rolle. Diese neue Stilrichtung entwickelt sich Ende des 19. Jahrhunderts, zunächst in der Malerei, Grafik und Literatur. Dann auch in Architektur, Musik und Tanz. Bekanntes wird verfremdet gezeigt und ermöglicht so ein neues Sehen. Mit dem Expressionismus beginnt die Klassische Moderne.

Die Malerei des Expressionismus wird bald nach dem Ende des 1. Weltkrieges von anderen Stilen abgelöst. In Literatur, Film, Theater und Architektur wirkt er noch bis zum 2. Weltkrieg weiter. Vor allem durch das neue Medium Film werden die Elemente dieses Stils vielen Menschen vertraut.

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Paul Thiersch (l) u. Oskar Hagen (r)

Händel Expressiv

»Für den modernen Menschen«


»Mir scheinen die Bühnenbilder von Paul Thiersch der Händelschen Musik aufs glücklichste zu sekundieren« schreibt Oskar Hagen 1920. Hagen und Thiersch wollen beide bewusst nicht die barocke Welt auf die Bühne bringen.

Hagen ist der Meinung, Händels Musik berühre sich mit dem »Ideal des modernsten Expressionismus«. Er sieht in den Arien ein Seelendrama. Das lange Ausmalen der Koloraturen gibt seiner Meinung nach den Arien einen expressionistischen Charakter (Koloratur = Gesang mit einer schnellen Abfolge von Tönen, mehrere Töne fallen gemeinsam auf den Vokal einer Textsilbe). »So verstanden hat der bildliche Expressionismus einen sehr guten Sinn in Händels Opern«.

Doch nicht nur das Bühnenbild soll expressionistisch sein, sondern auch die Körpersprache. Bewegung und Tanz gehören daher mit zum künstlerischen Ausdruck von Händels Musik. Mehrmals betont Oskar Hagen, dass er die Opern für den modernen Menschen bearbeitet.

Andrea Rechenberg über das Bühnenbild und die Zusammenarbeit von Thiersch und Hagen

Architektur und Bühne

Farbe, Raum und Spiel

Eigentlich ist Paul Thiersch Architekt. Schon während seiner Studienzeit 1897 bis 1904 lernt er Theaterbauten und -entwürfe kennen. In Berlin eröffnet er 1909 ein eigenes Architekturbüro. Hier bekommt er Kontakt zu den neuen Reformbewegungen. Sehr wahrscheinlich lernt er hier Bühnenbilder und Theaterreformer wie z. B. Max Reinhardt kennen.


Entwurf Bühnenbild für Xerxes: Das Haus des Ariodant, Paul Thiersch,1924

Seit etwa 1900 entrümpelt die Theaterreformbewegung die Bühnen. Auf den bisher üblichen Theaterpomp wird verzichtet. Es gibt keine überladene detailgenaue Ausstattung mehr, kein Vorgeben von historischer Echtheit. Umgesetzt wird abstrakte, raumgreifende Architektur. Terrassen, Mauern und Treppen eröffnen einen neuen Bühnenraum. Farbe, Licht und rhythmisch-tänzerische Bewegungen sollen die Stimmung, die Idee des Stückes vermitteln. Dies nennt sich szenischer Expressionismus. In Berlin, Frankfurt, München und Wien wird er schon vor dem 1. Weltkrieg umgesetzt. Nun, in den zwanziger Jahren, kommt er auch in der Provinz an.

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Rodelinde Wiederaufführung 1921 im Stadttheater Göttingen Schlußbild, Bühnenbild: Paul Thiersch

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Szenenbild aus Xerxes im Stadtheater Göttingen, 1924

Ab 1915 leitet Paul Thiersch die Handwerker- und Kunstgewerbeschule Halle auf der Burg Giebichenstein. Werkbund und Bauhaus formen die Idee einer Zusammenarbeit verschiedener Handwerke und Künste. Dies fördert Thiersch auch in seinem Haus. 1921 gründet Thiersch im Fach Architektur eine Fachklasse für Bühnenausstattung. Ab 1919 entwirft Paul Thiersch im Stadttheater Halle die Bühnenbilder, ab 1920 in Göttingen für die Händel-Festspiele und ab 1923 für das Alte Theater Leipzig. Für Thiersch hat das Bühnenbild zwei Funktionen: Es soll sich der Dichtung unterordnen und der Schaulust wachsenden Anreiz bieten.

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2.3 Rodelinda – Rodelinde

»Schönste Musik und vortreffliche Intrigen«

Rodelinda spielt am langobardischen Königshof im 7. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen: Rodelinda, scheinbar verwitwete Königin von Mailand, Bertarido, legitimer König von Mailand, Grimoaldo, Thronräuber.
Die Dreiecksbeziehung dieser Personen ist der Kern der Handlung. Grimoaldo wirbt um Rodelinda und bietet ihr die Krone. Rodelinda aber ist ihrem vermeintlich verstorbenen Ehemann Bertarido nach wie vor treu. Der Konflikt steigert sich, als Rodelinda erkennt, dass Bertarido nicht tot ist. Sie muss sich entscheiden: Sichert sie ihr eigenes Glück mit ihrem Ehemann Bertarido oder sorgt sie für seine Sicherheit indem sie Grimoaldo heiratet. Der Konflikt löst sich erst am Ende des Stücks, als sich beide Bedingungen erfüllen: Bertarido schützt Grimoaldo vor einem Attentat – daraufhin erhält er den Thron zurück. Nun können Rodelinda und Bertarido wieder zueinander kommen.

1724/25 schreibt Händel Rodelinda für die Royal Academy of Music in London (Königliche Musik-Akademie). Ein Unternehmen, das italienische Opern mit Star-Besetzung für das Londoner Publikum anbietet. Der Text dazu (das Libretto) stammt von Nicola Francesco Haym. Er schreibt für Händel mindestens sieben Operntexte. Alle sind in italienischer Sprache verfasst. Erst in der Übersetzung ins Deutsche wird Rodelinda zu Rodelinde.

Kapitel 3

Man wird sagen dürfen, daß die seelische Lage in Deutschland nach dem verlorenen Weltkriege für die Wiederentdeckung Händels einen besonders günstigen Boden abgab. Seine Einfachheit, seine Kraft und Größe hatten in dieser Zeit der Zerfahrenheit und Mutlosigkeit vielen etwas zu geben, und nach dem Verlust von äußerer Macht und Größe flüchtete man in die inneren seelischen Bereiche und suchte Trost und Mut in den meisterhaften Schilderungen menschlicher Affekte in Händelopern«. Walter Meyerhoff, 1946

3.1 »Diese heutigen Verhältnisse«

Der Vertrag von Versailles und das »Deutsche Sehen« von Oskar Hagen

Das Ende des 1. Weltkrieges wird 1919 mit dem Friedensvertag von Versailles besiegelt. Der Vertrag erklärt die alleinige Verantwortung Deutschlands an dem Krieg mit vielen Millionen Toten europaweit. Er verpflichtet Deutschland zu Gebietsabtretungen, Abrüstung und Zahlungen an die ehemaligen Kriegsgegner.

In Deutschland wird der Vertrag als hart, demütigend und ungerecht empfunden. Diese Erschütterung des nationalen Stolzes drückt sich in einem übersteigerten Nationalgefühl aus. Dies erfasst vor allem bürgerliche Kreise.

Auf der Suche nach neuem Selbstbewusstsein bekommt die Kunst eine bedeutende Rolle. Die Kunstgeschichte versucht zu begründen, welche Werke oder Künstler deutsch oder germanisch sind. Der Mythos des Volkes der Kunst und Kultur steht im Mittelpunkt. Auch Teile der Musikgeschichte versuchen sich an wissenschaftlichen Herleitungen des Deutschen in der Kunst.

1920 erscheint »Das Deutsche Sehen«, ein Buch von Oskar Hagen. Er entwickelt darin Ideen zur Kunst, die stark nationalistisch sind. Damit bewegt er sich im Rahmen damals anerkannter Forscherkreise. Aber er geht weiter. Mit seinen Thesen, »Wir [die Deutschen] denken mit unserem Blut« offenbart er eine rassistische Denkweise. In der Musikwissenschaft gibt es ähnliche Tendenzen. Dazu gehört es auch, Händel – der 49 Jahre in England lebte – als deutschen Komponisten zu verbuchen.

1933 erscheint das Buch von Oskar Hagen »Das Deutsche Sehen« in der dritten Auflage in Deutschland. Hagen, der bereits 1924 einem Ruf an die University of Madison (Wisconsin), USA, gefolgt ist, schreibt im Vorwort:
»Erst jetzt ist die Stunde dieses Büchleins gekommen. Es wird, nachdem der Sinn für Deutsches Wesen endlich in ganz Deutschland erwacht ist, offeneren Herzen begegnen als in den Jahren […] der nationalen Zerrissenheit […]«.
Damit bekennt er sich deutlich zur nationalsozialistischen Ideologie.

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Oskar Hagen


»Das Deutsche Sehen« von Oskar Hagen



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Georg-Friedrich Händel

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Gervinus Georg Gottfried

Ein Pflaster für die deutsche Seele
Händels Musik

In Händels Musik – zunächst mit Ausnahme der vergessenen Opern – wird viel hineingedeutet. Größe und Erhabenheit, aber auch Volkstümlichkeit wird seiner Musik zugesprochen. Sie gilt als Zustandsbeschreibung der deutschen Seele. Dies besonders in Zeiten von gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen.

Georg Gottfried Gervinus, Professor für Geschichte, ist einer der Göttinger Sieben. Diese Göttinger Professoren protestierten 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung durch den König. Gervinus wird deshalb des Landes verwiesen. In Zeiten von Verirrungen und Unruhen, so Gervinus, ist Händels Musik Retter eines Volkes in der Krise.

Während der Weimarer Republik (1918 bis 1933) werden diese Deutungen weiterentwickelt. Der Musikhistoriker Hermann Abert schätzt 1921 die Händeloratorien als erste demokratische Kunstgattung ein.
Für Oskar Hagen drückt Händels Musik nach 1918 den Schmerz der deutschen Seele aus, die unter dem verlorenen Krieg und seinen Folgen leidet. Diese Deutung galt ähnlich auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der frühen Bundesrepublik.

Die Nationalsozialisten sehen in Händels Musik Größe und Volkstümlichkeit vereint. Sie wird so zum Ausdruck der nationalsozialistischen Ideologie der Volksgemeinschaft. Darüber hinaus wird der Barock-Stil zu Händels Zeit insgesamt nationalistisch und als Sonderleistung der deutschen Kunst gedeutet.

In der DDR wird Händel zum Aufklärer. Hier bringen seinen Oratorien die Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum Ausdruck.

Alle diese Deutungen unterstellen Händel nachträglich, genau aus diesen Motiven komponiert zu haben. Das ist aber durch kein historisches Dokument zu belegen. Zu belegen ist, dass Händel ein genialer, sehr produktiver Musiker und ein begabter Unternehmer war. Was den Stil seiner Musik betrifft, ist er ein Kind seiner Zeit.

Eine Ära endet

Nach seinem Weggang 1924 in die USA hofft Oskar Hagen von dort aus die Bearbeitung von Händel-Opern für die Göttinger Festspiele fortzusetzen. In einem Brief erwähnt Paul Thiersch, dass er und Hagen überlegen, die Oper Radamisto aufzuführen. Die Oper Otto und Theophano soll neu bearbeitet werden.

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von links: Paul Thiersch, Hanns Niedecken-Gebhardt, Oskar Hagen

Doch dazu kommt es 1925 nicht. Es gibt künstlerische Differenzen mit Göttingen. Hagens starke Eingriffe und Bearbeitungen der Opern sind nicht mehr erwünscht. Erst 1926 werden die Händel-Festspiele fortgesetzt. Zwar auf Deutsch, aber ohne weitere Bearbeitung von Oskar Hagen, wird die Oper Ezio aufgeführt.

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Die Akademische Orchestervereinigung (AOV) 1927

3.2 Unterordnung statt »Gleichschaltung«

Die Göttinger Händel-Gesellschaft e. V. im Nationalsozialismus

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Walter Meyerhoff (1890 -1977)

Um den Fortbestand der Händel-Spiele zu gewährleisten, wird 1931 die Göttinger Händel-Gesellschaft als eingetragener Verein gegründet. Treibende Kraft bei diesem Schritt ist Walter Meyerhoff. Er amtiert von Beginn an als Geschäftsführer und wird zum führenden Kopf der Händel-Gesellschaft e.V. Nach dem Machtantritt Adolf Hitlers im Januar 1933 droht auch der Händel- Gesellschaft die ideologische »Gleichschaltung«, also Vereinnahmung im Sinne der Nationalsozialisten. In dieser Lage wählt Meyerhoff den Weg des vorauseilenden Gehorsams, die sogenannte »Selbstgleichschaltung«. Er will damit eine gewisse Unabhängigkeit bewahren.

Gleichschaltung

Mit „Gleichschaltung“ bezeichneten die Nationalsozialisten beschönigend eine politisch-kulturelle Strategie. Unter Einsatz aller Mittel bis hin zu nackter Gewalt sollten alle Bereiche von Politik, Gesellschaft und Kultur gemäß der nationalsozialistischen Ideologie organisiert werden. Das bedeutete u. a. die Eingliederung vieler bestehender Organisationen in die NS–Verbände. Ziel war es, bis 1934 den Pluralismus (Vielfalt) in Staat und Gesellschaft abzuschaffen. Alle Lebensbereiche der Menschen sollten der NS-Diktatur unterworfen werden.

„Selbstgleichschaltung“ bezeichnet die freiwillige Unterordnung/Unterwerfung unter die Maßgaben der Nationalsozialisten, z.B. Juden aus Vereinen und Verbänden auszuschließen.

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von rechts vorne: Walter Meyerhoff, Präsidentialrat Heinz Ihlert, Geheimer Rat Valentiner am 23.06.1935

Das größte Opfer dieser selbstgewählten Anpassung ist Wolfgang Stechow.
Stechow hat eine jüdische Mutter und passt deshalb ins antisemitische Feindbild der Nationalsozialisten. Meyerhoff drängt ihn in moralisch fragwürdiger Weise aus dem Vorstand.

Zugleich besetzt er den Vorstand gezielt mit überzeugten Anhängern des Nazi-Regimes. Hans Plischke, Professor für Ethnologie, wird Vorsitzender und Hermann Muhs, NS-Regierungspräsident, wird Ehrenvorsitzender. Dieser Schachzug ist zynisch und zweifellos moralisch verwerflich. Später zeigt sich allerdings, dass dadurch radikalere Gleichschaltungsversuche von Berlin aus abgewehrt werden können. Das Bündnis mit den Nazis bietet Meyerhoff gleichzeitig Raum für die seit 1934 einsetzende künstlerische Neuausrichtung der Festspiele.

Aus dem Vorstand gedrängt
Wolfgang Stechow (1896-1974)


Wolfgang Stechow ist wie Okar Hagen Kunsthistoriker und arbeitet in Göttingen am Kunsthistorischen Seminar. Stechow ist schon vor dem Krieg aktives Mitglied der Akademischen Orchestervereinigung, kurz AOV. Er beherrscht mehrere Instrumente sehr gut. Besonders sein Klavierspiel wird sehr gelobt. Nach Oskar Hagens Weggang 1924 übernimmt er die Leitung des Orchesters der AOV.

Seine Persönlichkeit, seine Arbeit und sein Einsatz für die AOV und die Händel-Gesellschaft werden sehr geschätzt. Das alles hilft oder schützt ihn aber nicht. 1933 wird er von Walter Meyerhoff gedrängt, seinen Posten im Vorstand der Händel-Gesellschaft e.V. aufzugeben. Dieser Posten sowie einige andere werden nun mit NS-Größen aus Göttingen besetzt.

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Stechow in geselliger Runde um 1922; Quelle: Göttinger Händel-Gesellschaft e.V.

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Wolfgang Stechow

Stechow hat jüdische Vorfahren. Nach der Nazi-Ideologie ist Stechow damit Jude. Stechow wird Opfer der antisemitischen Verfolgungen des NS-Regimes. Daran ändert auch sein evangelischer Glaube nichts. Er emigriert mit seiner Familie in die USA. Oskar Hagen kann ihm dort eine Assistentenstelle an der University of Madison (Wisconsin) vermitteln.

Nach dem Krieg hält Stechow Kontakt nach Göttingen, besucht die Stadt seit den 60er Jahren hin und wieder. Er wird Mitglied des Kuratoriums der Händel-Festspiele. Stechow hält sogar eine Vorlesung am Seminar für Kunstgeschichte, seiner alten Wirkungsstätte. Sieben Jahre nach seinem Tod vermacht seine Witwe Ursula Stechow dem Seminar für Kunstgeschichte seine wertvolle Grafiksammlung. Dem Stadtarchiv überlässt sie seinen Nachlass.

Eine Karriere im Nationalsozialismus
Hanns Niedecken-Gebhard (1889 –1954)


Als Regisseur der Händel-Festspiele bekannt ist Hanns Niedecken-Gebhard. Sein Name ist mit den Festspielen von 1923 bis 1954 eng verbunden. Er studiert mit Oskar Hagen Musikwissenschaft in Halle. Dieser holt ihn zu den dritten Festspielen 1922 nach Göttingen.

Niedecken-Gebhard ist stark beeinflusst von dem sich gerade neu entwickelnden Ausdruckstanz. Dieser ist Teil der Theaterreform-Bewegung. Er sieht den Tanz als Element der Musik. Er erhebt den »tänzerischen Stil« zum Stilmittel einer neuen Opernkunst.

Er gehört zu den wenigen homosexuellen Künstlern, die in der NS-Zeit ihre Position nicht nur halten, sondern ausbauen können.

Von 1931 bis 1933 arbeitet er an der New York Metropolitan Opera. 1933 fliehen die ersten Menschen aus Deutschland in die USA. Niedecken-Gebhard geht den umgekehrten Weg. Er verlässt Amerika wieder. Er sieht im Nationalsozialismus die Chance, seine künstlerischen Vorstellungen von Bewegung und Tanz umsetzen zu können. Um in Nazi-Deutschland arbeiten zu können, geht er eine Scheinehe mit der Bühnenbildnerin Lotte Brill ein.

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Hanns Niedecken-Gebhard 1928

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Walter Meyerhoff und Hanns Niedecken-Gebhard am 23.06.1935 mit Präsidentialrat Heinz Ihlert, der 1940 Geschäftsführer der Reichsmusikkammer wurde

Niedecken-Gebhard entwickelt die von den Nazis erwünschten »Thingspiele« als »völkisches Theater«. Er inszeniert die Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 1936 sowie die 700-Jahrfeier Berlins 1937. Er bekommt vom Reichserziehungsminister den Professorentitel verliehen. Er lehrt an zwei Lehrstühlen, in Berlin und in Leipzig. In all den Jahren führt er bei den Händel-Festspielen in Göttingen weiter Regie.

1945 wird er zunächst seiner Ämter und seiner Professur enthoben. In Göttingen kann er dann aber ab 1947 Theaterwissenschaften lehren. Dieser Lehrstuhl wird speziell für ihn eingerichtet. Bis zu seinem Tod 1954 wirkt er prägend bei den Göttinger Händel- Festspielen mit.

»Meinen besten Freund, Niedecken-Gebhard, musste ich von der Liste streichen – zu der Zeit, als wir in Amerika von den Judengreueln hörten, arbeitete er ruhig unter dem Hitlerregime weiter. Der Schritt war für mich sehr schmerzhaft. Und er war tief verletzt, verstand es überhaupt nicht – ein netter anständiger Ehrenmann, ein seltsames Beispiel für den deutschen Gedächtnisschwund, dieses Phänomen, sich die Ohren mit Wachs zu verstopfen, um die Schreie von Auschwitz und Dachau nicht zu hören, alles wegzuschieben, hinunter ins Unterbewusstsein«.
-Vicky Baum, 1962

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Vicky Baum

3.3 Verschweigen und Verdrängen

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Fritz Lehmann

Fritz Lehmann (1904 – 1956) ist Musiker und Dirigent. 1923 geht er nach Göttingen und setzt hier sein Studium der Musikwissenschaften an der Universität fort. In dieser Zeit lernt er Oskar Hagen kennen. Lehmann wird von 1923 bis 1927 zunächst Chorleiter, dann Kapellmeister am Stadttheater Göttingen. 1934 wird er künstlerischer Leiter der Händel-Festspiele.

1937 tritt er in die NSDAP ein und dokumentiert damit seine Nähe zum Regime. Nach einem Konflikt 1944 mit dem Kreisleiter der NSDAP Thomas Gengler sagt Lehmann für die in diesem Jahr von Seiten der NSDAP geplante Händel-Woche eine Mitwirkung der Göttinger Händel-Gesellschaft e. V. ab. Fritz Lehmann bleibt aber künstlerischer Leiter der Händel- Festspiele. Diese Position bekleidet er bis 1953. Gemeinsam mit Niedecken-Gebhard ist er eine der prägenden Personen der Festspiele in der Nachkriegszeit. Bis zur Schließung des Opernbetriebes 1950 ist er ebenfalls Intendant des Stadttheaters Göttingen.

Typisch für die Nachkriegszeit und die junge Bundesrepublik ist, dass der Nationalsozialismus verschwiegen wird. Eine Aufarbeitung findet so gut wie gar nicht statt. Vergangenes Unrecht wird nicht benannt, sondern soll vergessen werden. Insbesondere wird die Verwicklung von einzelnen Personen wie Lehmann und Niedecken-Gebhard in den Nationalsozialismus ausgeblendet.

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von links: Fritz Lehmann, Walter Meyerhoff, Hanns Niedecken-Gebhard


45 Jahre Einsatz für die Göttinger Händel-Gesellschaft e.V.
Walter Meyerhoff (1890-1977)

Walter Meyerhoff ist Jurist. 1923 kommt er als Richter an das Landgericht Göttingen. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 wird er wegen seiner jüdischen Vorfahren und politischen Ansichten beruflich ins Abseits gedrängt. Er behält aber sein Amt als Richter. Meyerhoff ist auch aktiver Katholik und unterstützt die Göttinger St. Pauluskirche. Dies bringt ihm weitere persönliche Schwierigkeiten ein.

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Walter Meyerhoff (links) mit Winton Dean (1916-2013), britischer Musikwissenschaftler und Händel-Forscher


Die ersten Festspiele werden alle durch den Universitätsbund finanziert. Nun gründet Meyerhoff am 12. März 1931 die Göttinger Händel-Gesellschaft e. V. Aufgabe des Vereins ist die Pflege der Werke Händels und die Austragung der Festspiele. Die Vereinsgründung garantiert die nachhaltige Entwicklung des Festivals.

1933 drängt Meyerhoff den Kunsthistoriker Wolfgang Stechow aus dem Vorstand der Händel-Gesellschaft e. V. Er wird wegen seiner jüdischen Vorfahren von den Nationalsozialisten angefeindet. Auf Betreiben Meyerhoffs werden jetzt überzeugte Anhänger des NS-Regimes in den vierköpfigen Vorstand aufgenommen. Vermutlich dadurch kann Meyerhoff später eine weitergehende Gleichschaltung – also Vereinnahmung durch die NS-Kulturpolitik – verhindern.

Meyerhoff ist von 1931 bis 1976 zunächst als Geschäftsführer und später als Vorsitzender die bestimmende Persönlichkeit der Göttinger Händel-Gesellschaft e.V.
Von 1945 bis zu seiner Pensionierung 1958 amtiert er als Präsident des Göttinger Landgerichts.
Die Göttinger Händel-Gesellschaft e.V. hat bis 2008 die Festspiele organisiert und finanziert. Sie ist bis heute Hauptgesellschafterin der 2008 gegründeten Internationale Händel-Festspiele Göttingen GmbH.